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Kapitel 21 - Der B.O.F.H. erlebt seinen Schwarzen Mittwoch

Dieser Mittwoch entpuppt sich als denkwürdiger Tag, als ich in das Büro des Abteilungsleiter gebeten werde, um angeblich einige wichtige Informationen zu bekommen. Anwesend sind neben dem Abteilungsleiter noch ein technischer Manager und unser Personalchef. Ein Treffen mit drei gleichgesinnten Schwachköpfen, könnte man sagen - oder fünf, wenn man den Briefbeschwerer und den Mülleimer mitzählt, die weitaus mehr arbeiten und der Firma mehr Geld bringen, als die anderen drei.

"Wir, ähm, also, wir haben uns entschlossen, ihren Vertrag nicht zu verlängern", meint der Abteilungsleiter nach einigen Sekunden gespannter Stille. Ganz plötzlich haben der technische Manager und der Personalchef interessante Dinge zum Anschauen an der Decke und auf dem Boden gefunden. In der Zwischenzeit, so scheint es, bemüht sich der Abteilungsleiter darum, den Weltrekord im Schwitzen zu brechen. Er erwartet offenbar das Schlimmste, also soll er es bekommen.

"In Ordnung", sage ich leise. "Ich verlasse die Firma dann in vier Wochen, schätze ich."

"Ähm, nun, wir haben uns entschlossen, sie jetzt schon auszuzahlen. Sie bekommen das Geld für die letzten vier Wochen. Eigentlich können sie uns verlassen, wann immer sie wollen, also auch sofort." lockt er. "Wir würden diese Lösung vorziehen."

"Okay", sage ich. "Ich suche meine Sachen zusammen und verschwinde dann."

"Ähm, wir haben den Sicherheitsdienst gebeten, sich darum zu kümmern", erklärt der Abteilungsleiter auf einen Ausbruch wartend. "Draußen steht eine Kiste."

"In Ordnung. Man sieht sich", sage ich und verschwinde, nachdem ich mir meine Sachen gegriffen habe.

Im Fahrstuhl treffe ich auf den verblüfften PJ.

"Was werden sie unternehmen?" fragt er schockiert.

"Ich? Ich werde Urlaub machen, ein paar Bücher lesen - keine Ahnung."

"Nein, ich meine, weil die sie rausschmeißen."

"Ach das! Wirklich nichts. Ich bin sicher, sie werden auch ohne mich klarkommen." Ein Grinsen huscht über sein Gesicht, als er sich die Zukunft vorstellt.

"Ich werde sehen, was ich tun kann ..." verspricht er.

Drei Tage später klingelt das Telefon. Es ist der Abteilungsleiter.

"Äh, ich wollte fragen, ob sie vielleicht wieder zurückkommen könnten." höre ich ihn nuscheln.

"Warum? Mein Lehrling macht doch alles richtig, oder?"

"Ähm, nein, nicht wirklich."


"Seltsam. Dabei habe ich ihm doch alles beigebracht, was ich weiß", antworte ich und bringe die Kugel langsam ins Rollen.


"Ja, das hatten wir befürchtet."

"Wie bitte?"

"Ich weiß auch nicht. Er macht nur noch Fehler. Zumindest behauptet er, es handele sich dabei um Unfälle."

"Was für Unfälle?"

"Alles mögliche! An einem Tag ´reparierte´ er eine ´unnormale´ Einstellung der Heizung im Sitzungszimmer und kochte so die tropischen Fische im Aquarium des Geschäftsführers; seine ´Wartung´ des Lifts ließ mich und einen Manager zur Mittagszeit eine Stunde lang zwischen der dritten und der vierten Etage hin- und herfahren; der Monitor mit den Aktienkursen zeigt nur noch holländische Pornokanäle an; die Sicherheitstüren lassen die Leute nicht mehr zu den Toiletten - bis auf eine Ausnahme, als sie eine nervöse Sekretärin nicht mehr herausließen - und einer aus der Geschäftsleitung hörte ihre wilden Hilfeschreie, die ihn so erschreckten, daß er für vier Tage klinisch tot war."

"Nun, die Betreuung eines Netzwerkes ist eine heikle Sache. Und er wird es noch lernen, denke ich."

"Gut, gut, aber könnten sie nicht zurückkommen und die Sachen wieder in Ordnung bringen? Die Passwörter für die Anmeldung im Netzwerk sind nur noch einen Tag gültig und mit jedem Tag müssen sie um einen Buchstaben länger werden. Am Ende der Woche sind wir bei 15 Zeichen angekommen, und sie wissen doch, wie wenig es der große Boss liebt, seine Initialen fünfmal hintereinander einzutippen."

"Nun, ich weiß nicht recht ...", sage ich auf das Unvermeidliche wartend.

"5000 mehr pro Jahr?"

"Zehntausend?"

"Okay, zehntausend!"

"Und ich mochte noch nie diese Klauseln zur persönlichen Haftung."

"DAS HAT SIE DOCH VORHER NIE GESTÖRT!"

"Stimmt, aber irgendwann rächt sich sowas und sie kriegen einen doch noch ..."

"In Ordnung, alles klar. Wann können sie wieder anfangen?"

Einen Tag später ist der Status Quo wiederhergestellt. Der PJ gibt mir einen kurzen Überblick über die Dinge, die während meiner Abwesenheit passierten. Der Wendepunkt war offenbar ein Unfall auf der Rolltreppe, bei dem die Frau des Abteilungsleiters, die für ihn bestimmte Geburtstagstorte, der Anzug des Geschäftsführers und eine plötzliche Änderung der Rolltreppengeschwindigkeit zusammentrafen. Ein außerordentlich seltenes Zusammentreffen ...

Das Telefon klingelt und gutgelaunt nehme ich ab.

"Ist dort der Netzwerk-Betreuer?" fragt eine Stimme.

"Ja ..."

"Ich habe ein Problem mit dem neuen Rechner und dem Netzwerk."

"Geht es um einen Pentium?" rate ich.

"Ja."

"Oh-oh. Der Hersteller hat uns gerade ein Fax wegen Problemen mit der elektrostatischen Aufladung geschickt."

"Was?"

"Um das Problem zu lösen, müssen sie einfach das Gehäuse öffnen ..."

"Okay."

"Die Netzwerkkarte herausnehmen ..."

"Gemacht."

"... und einen schmalen Metallstreifen am Verbindungsstecker zum Mainboard anbringen, um statische Aufladung zu verhindern."

"Gut."

"Jetzt stecken sie die Karte wieder ein und schalten den PC an."

"Okay, ich schalte jetzt ..."

KNALL!

"Arghh ...!"

<Klick>

Es ist schon lustig, wie man die gute alte Zeit vermissen kann ...
 
 
 
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12.2.06